MZ-Utopia ist eine Wirtschaftssimulation direkt im Browser - und eine Zeitreise. Das Original hiess UTOPIA, stammt von Rolf Jäger und erschien 1986 im CPC Sonderheft 1/86 für den Amstrad Schneider CPC 464: ein Hamurabi-Klon in Locomotive BASIC, zum Abtippen abgedruckt auf drei Heftseiten. Jetzt habe ich es nachprogrammiert: in HTML, CSS und JavaScript - ohne Framework, ein Canvas im 80x25-Zeichenraster des CPC, in Phosphorgrün wie am Grünmonitor GT65.
Das Spiel läuft direkt hier auf der Seite. Bildschirm anklicken, Taste drücken, los geht es: Hamurabi begrüsst den neuen Herrscher, erklärt die Regeln und übergibt das Reich. Danach heißt es zehn Jahre regieren - mit vier Entscheidungen pro Jahr und einem Berater, der kein Blatt vor den Mund nimmt. Am iPhone übernimmt die Bildschirmtastatur unter dem Monitor.
Zehn Jahre Herrscher über UTOPIA.
Die Ausgangslage: 100 Untertanen, 1000 Hektar Land, 3000 Scheffel Korn im Vorrat. Jedes Jahr stehen vier Entscheidungen an, und jede wird sofort verrechnet:
- Landverkauf - Hektar zu Geld machen, der Erlös wandert als Korn in den Vorrat.
- Landkauf - Hektar dazukaufen, sofern der Vorrat den Preis hergibt.
- Saatfläche - Hektar bestellen. Pro Hektar kostet das einen Scheffel Saatgut, und zehn Hektar brauchen einen Bauern.
- Nahrung - Korn an die Bevölkerung verteilen. Richtwert: rund 10 Scheffel pro Person und Jahr.
Bei unlogischen Eingaben meldet sich Hamurabi mit einem „Bedenkt, ...", und das Feld muss noch einmal ausgefüllt werden. Wer die Bevölkerung hungern lässt, riskiert eine Seuche in den Hungergebieten. Wer sie mästet, bekommt die Wohlstands-Epidemie samt geplünderten Vorratskammern. Beides kostet Menschenleben und Korn - und wer gar nicht mehr genug Vorrat hat, um sein Volk zu ernähren, ist die Krone sofort los.
Der Jahresrapport wandert dabei wie am CPC Spalte für Spalte über den Bildschirm: Jedes Jahr bekommt seine eigene Spalte mit Bevölkerung, Landfläche, Ernte, Vorrat und Landpreis. Nach zehn Jahren stehen alle Spalten nebeneinander - die komplette Regentschaft auf einen Blick. Dann zieht Hamurabi Bilanz und vergibt Noten für das Bevölkerungswachstum und die Bevölkerungsdichte. In der Gesamtnote zählt das Wachstum doppelt. Die Kommentare reichen von „Bismarck und Adenauer würden Euch beneiden" bis zur Verbannung nach einem Volksaufstand.
Zeile für Zeile aus dem Heft.
Vorlage war das abgedruckte BASIC-Listing aus dem Sonderheft, so wie man es damals abgetippt hätte - nur dass aus den GOTOs sauberes JavaScript geworden ist. Alle Formeln sind original: das Wetter schwankt zwischen 0,8 und 1,2, die Erntequalität hängt an Nahrung und Bevölkerungsgrösse, der Landpreis würfelt sich jedes Jahr neu zwischen 20 und 30 Scheffel pro Hektar. Auch die Texte stammen aus dem Heft - nur die Tippfehler von damals habe ich behutsam korrigiert. Der Berater hiess im Listing mal HAMURABI, mal HAMURBAI, aus der Bevölkerung wurde in einem Hinweistext die „Bevoeklerung", wer sich mittelmässig schlug, hatte „kein uebermaessig schlechtes Ergebins erzielt", und beim Volksaufstand fehlte ein s. Hier spricht Hamurabi wieder sauberes Deutsch. Eine Schreibweise bleibt trotzdem: Hamurabi mit nur einem m. So hiess schon der BASIC-Klassiker der Siebziger, das gehört zum Genre wie der Grünmonitor.
Zwei Dinge im gedruckten Listing sind echte Kuriositäten. Erstens: Im Code steckt eine stillgelegte Schimmel-Regel. Wer zu viel Korn hortet, sollte offenbar einen Teil des Vorrats durch Verderb verlieren - aber die Zeile ist im Heft auskommentiert, und sie hätte obendrein den falschen Text ausgegeben, nämlich die Mörder-Anklage vom Untergang der Bevölkerung. Ein eigener Schimmel-Text existiert im ganzen Listing nicht. Der Autor hat die Regel vermutlich kurz vor Abgabe stillgelegt. Sie bleibt auch hier draussen - gespielt wird, was gedruckt wurde. Zweitens: In der Schlussbewertung steht eine Bedingung, die nie wahr werden kann - die Bevölkerungsdichte soll gleichzeitig über 8 und höchstens 7 sein. Diesen Druckfehler habe ich repariert, sonst bliebe eine der Noten in bestimmten Fällen einfach leer.
Steuerung.
Gespielt wird wie am CPC, nur mit Ziffern und Enter:
0-9- Wert für das aktive Eingabefeld eintippenEnter- Eingabe bestätigen, das nächste Feld wird freiBackspace- letzte Ziffer löschen- Leere Eingabe plus
Enterzählt als 0 - wer nichts kaufen will, drückt einfach Enter
Hintergrund: Hamurabi und seine Verwandten.
Das Spielprinzip stammt von 1968 - „The Sumerian Game", entwickelt für Bildungszwecke auf einem IBM-Grossrechner. David Ahl veröffentlichte 1973 eine BASIC-Version in „BASIC Computer Games", die auf den Heimcomputern der späten Siebziger und frühen Achtziger weit verbreitet war. Unzählige Varianten folgten, auf praktisch jeder Plattform.
Rolf Jägers CPC-Version von 1986 trägt den Namen UTOPIA und erschien im CPC Sonderheft 1/86 auf den Seiten 22 bis 24. Sie erweitert das Grundprinzip um Seuchen in beide Richtungen - Hunger wie Wohlstand - und um ein Bewertungssystem mit Hamurabi-Kommentaren je nach Note. Genau diese Version läuft hier im Browser - mit denselben Formeln, denselben Texten und demselben Spaltenrapport wie damals am Grünmonitor.